"Kaum hat, was mir die Mus' eingab, die Gemüther berühret,
Was in Sprachen ich tat, kaum die Gelehrten bewegt."

 

Und in der Tat trifft diese Selbsteinschätzung des alten Friedrich Rückert bis auf den heutigen Tag zu.
 
 
 
 
 
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 Fragt man in einem Gymnasium die Fachleute, die Germanisten, die es wissen müssten, so wird man häufig mit der alten Ansicht vom drittklassigen Dichter, vom Epigonen konfrontiert.
 
Was ist nun daran, wie ist der Dichter Friedrich Rückert einzuschätzen?
 
Auffällig ist zunächst einmal, dass eine Annäherung an den Dichter schon deshalb schwierig ist, weil es kaum aktuelles wissenschaftliches Material gibt. Die letzte (zwölfbändige) Gesamtausgabe stammt aus dem Jahre 1882 . Danach sind einzelne Werke oder Sammlungen veröffentlicht worden. In den zwanziger Jahren gab der verdiente Rückert-Forscher Herman Kreyenborg noch einmal etliche der Werke Rückerts neu heraus. Seit dem Zweiten Weltkrieg scheinen das wissenschaftliche und das verlegerische Interesse am Dichter aber nahezu gänzlich zum Erliegen gekommen zu sein.
 
Erst 1988, anlässlich seines 200. Geburtstages begann sich die Fachwelt wieder vermehrt mit Friedrich Rückert zu beschäftigen. Einige Werkausgaben erschienen, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Auch die in aller Welt geschätzte, in ihrer Heimat Deutschland aber häufiger missverstandene und angefeindete Orientalistin Annemarie Schimmel, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, unternahm 1988 den Versuch, mit zwei Bänden "Ausgewählte Werke" das Gespräch über Friedrich Rückert wiederzubeleben. Annemarie Schimmel, die profunde Kennerin der östlichen Literaturen und ihrer Lebensumfelder seit grauer Vorzeit bis heute, klagt deshalb: „Aber wer machte sich die Mühe, sein gesamtes Werk durchzulesen? Wer ahnte, daß dieser Mann eine phänomenale Sprachbegabung besaß, die ihn befähigte, die kompliziertesten Texte aus dem Arabischen, Persischen, Sanskrit und Dutzenden anderer Sprachen in geradezu unheimlicher Treue dem Deutschen anzuverwandeln. ...aber allein der Umfang des gedruckt vorliegenden Materials schien es unmöglich zu machen, Rückert recht zu würdigen, und es war leicht, ihn unter die Epigonendichter einzureihen.» (Schimmel, Annemarie[Hrsg.]: Friedrich Rückert. Ausgewählte Werke, Bd 1, Ffm. Insel, 1988, S. 9)
 
Sollten das also vielleicht die Gründe für die mangelnde Wertschätzung des Dichters sein: Die kleine Wissenschaft der Orientalistik hatte nie genügend Öffentlichkeit um Rückert nachhaltig als einen ganz Großen ihrer Zunft preisen zu können und die Germanisten lasen nur oft seltsam klingende Übersetzungen und Nachdichtungen, deren Wert sie nicht ermessen konnten?
 
Wahrscheinlich ist es aber die Fülle des Materials, die auch einen heutigen fleißigen Leser rasch an seine Grenzen führt. So ist zum Beispiel die Vertonung der «Kindertotenlieder» Rückerts durch Gustav Mahler in Bildungskreisen allgemein bekannt und wird von vielen geschätzt. Wer aber weiß schon, dass der Dichter über den schmerzlichen Tod seiner beiden jüngsten Kinder um die Jahreswende 1833/34 mehr als 400 «Kindertotenlieder» schrieb. Die Gedichte und andere Texte quollen zeitlebens buchstäblich aus ihm heraus. Wer kennt Rückert schon als politischen Dichter der Jahre 1848/49? Viele seiner Werke haben auch didaktischen Charakter, was nicht zuletzt auf den Umstand zurückzuführen ist, dass er ein hingebungsvoller Vater war. Sein berühmtestes Werk aus diesem Zusammenhang ist die «Weisheit des Brahmanen», erstmals 1836-38 in sechs dünnen Bänden erschienen.
 
Sicherlich kann nicht vorausgesetzt werden, dass ein derart produktiver Dichter nur Weltliteratur hervorbringt. Da sind auch Seltsamkeiten und Trivialitäten zu finden, wie Gedichte über den Tod eines Kanarienvogels, Schneeflocken im April, moderne Technik, Ärger über einen allzu frommen Theologen, ein Lob der Zigarre oder der Überschuhe. Rückert aber schrieb unter dem selbst aufgestellten Verdikt: «Weltpoesie ist Weltversöhnung». Was er für dieses Ziel schuf, bezeichnete der schon erwähnte Rückert-Forscher Herman Kreyenborg als «Thesaurus der Weltliteratur..., der die kühnsten Träume eines Herder und Goethe an Vielseitigkeit und Meisterschaft überstiege...»
 
Und muss es nicht zu denken geben, dass nicht nur Gustav Mahler, sondern eine Vielzahl prominenter Komponisten seine Texte vertont haben? Eine genaue Übersicht aller vertonten Rückertlieder gibt es bis zum heutigen Tage nicht. Aber der Kreis der bekannten Vertonungen von Schubert, Schumann und Mahler darf erweitert werden um Namen wie Wilhelm Kienzl, Ludwig Spohr, Carl Loewe, Franz Liszt sowie eine Anzahl weniger bekannter moderner Komponisten.
 
Auch wenn er von Einzelnen einer deutschnationalen Gesinnung beschuldigt wird, so ist dies aus heutiger Sicht eher als eine Erscheinung seiner Zeit zu betrachten. Friedrich Rückerts bleibender Wert besteht in der von ihm gelebten und vertretenen Toleranz und in seiner Neugier gegenüber den Menschen anderer Zeiten und anderer Gegenden dieser Welt. So gesehen steht er eindeutig auf der Seite der positiven demokratischen Strukturen im deutschen Volk, auf deren Tradition unser heutiger Staat aufbaut.Seit 1998 erscheint nun nach und nach die historisch-kritische Gesamtausgabe. Hanns Wollschläger und Rudolf Kreutzer haben sie begründet und bis in das Jahr 2009 sind 9 (z.T. Doppel-)bände im Verlag Wallstein, Göttingen, erschienen.Seit 2001 veröffentlicht der US-Verlag Adamant Media Corporation "Friedrich Rückert's gesammelte poetische Werke", die im Sauerland-Verlag, Frankfurt/Main, 1882 veröffentlicht worden waren.
 
 

 

 

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